Schriften und Typografie bei der Bahn

Vor langer Zeit habe ich beruflich viele Jahre mit dem Design von Schriften und der Herstellung von Fonts zu tun gehabt. Dadurch reagiere ich noch immer empfindlich auf typografische Fehler oder falsch verwendete Schriftarten. Das kommt bei selbst erstellten Bahnhofsgestaltungen, aber auch bei industriell gefertigten Bausätzen von Bahnhöfen usw. mit Beschriftungen immer wieder mal vor.

Deshalb möchte ich hier mal eine kleine Übersicht über die Regeln geben, die es bei der Deutschen Bundesbahn, der Deutschen Bahn und anderen Bahnunternehmen dazu gibt. Da sich der Zeitgeist und damit die verwendeten Schriften immer wieder mal ändern, habe ich das Ganze in die Eisenbahnepochen der Modelleisenbahnen eingeordnet.

Hinweis: Das Wort „Hamburgefonstiv“ ist natürlich kein Bahnhofs- oder Ortsname. Es ist ein gebräuchliches Testwort bei Schriftdesignern, Typografen und Grafikdesignern, um den Charakter einer Schrift einzuschätzen, da das Wort alle stilbildenden Kleinbuchstaben enthält.

Epoche I (1835 bis 1920)

In der Frühzeit der Eisenbahnen in Deutschland war die Schriftgestaltung oder das Erscheinungsbild der Bahnen nicht genormt oder in anderer Weise festgelegt. Meist wurden Antiqua-Schriften, seltener Grotesk- oder Frakturschriften verwendet. Seit 1904 bestand die Regel, den Bahnhofsnamen mit einem Großbuchstaben zu beginnen und mit Kleinbuchstaben fortzufahren, also der üblichen Groß-/Kleinschreibung.

Antiqua-Schrift (Times bold)
Fraktur-Schrift (Mainzer Fraktur)
Grotesk-Schrift (Neue Mahlau)

Epoche II (1920 bis 1950)

Vorbild für die Beschriftungen der 20er- bis 50er-Jahre war die Musterzeichnung IV44 aus dem Jahr 1923, nach der in Preussen Bahnen und Bahnhöfe beschriftet wurden. Dieser Entwurf wurde dann 1936 in überarbeiteter Weise in die DIN 1451 übernommen, die für die Deutsche Reichsbahn Gesellschaft (DRG) und später die Deutsche Bundesbahn (DB) maßgeblich für Beschriftungen waren.

Preussische IV44
DIN 1451

Epoche III (1949 bis 1970)

Seit den 50er-Jahren realisiert die Deutsche Bundesbahn mit einer Futura-Variante, dessen Original der bekannte Schriftdesigner Paul Renner entworfen hat, ein einheitliches Schriftbild. Dabei werden die Bahnhofsnamen komplett im Versalsatz, also in Großbuchstaben dargestellt.

Futura Medium Versalsatz

Epoche IV (1965 bis 1990)

In der Epoche IV hat sich typografisch bezüglich Beschriftungen bei der Deutschen Bundesbahn nichts gegenüber der Epoche III geändert.

Epoche V (1990 bis 2006)

Mitte der 80er Jahre wurde das Erscheinungsbild der Deutschen Bundesbahn modernisiert, was dazu geführt hat, dass Bahnhofsnamen nun nicht mehr im Versalsatz, sondern in der gewohnten Groß-/Kleinschreibung realisiert wurde. Ausserdem bekamen die Bahnhofsschilder einen blauen Rand in der Farbe RAL 5023 (Fernblau).

RAL 5023
Futura Medium

Auch die Deutsche Reichsbahn der DDR und die Deutsche Bahn AG nach der Privatisierung haben das Design aus den 90er-Jahren übernommen und bis 2005 genutzt.

Epoche VI (ab 2007)

Seit 2005 hat die Deutsche Bahn eine neue Schriftfamilie, die „DB Neo“. Sie unterteilt sich für Printprodukte in die „DB Neo Sans“ für sogenannte Fließtext-Anwendungen, Broschüren, Anzeigen usw., die „DB Neo Head“ für Beschriftungen sowie die „DB Neo Rounded“ als weitere Schriftfamilie für die jüngste Zielgruppe der DB. Gelegentlich wird auch der Begriff „DB Type“ verwendet. Das ist keine weitere Schriftart, sondern der Name des 34 Schriftarten in sechs Schriftfamilien enthaltenen Schriftensystems „DB Neo“, das die deutschen Schriftendesigner Erik Spiekermann und Christian Schwartz entworfen haben.

Daneben gibt es für digitale Anwendungen noch die „DB Neo Office“ für die Anwendung in Büroanwendungen, wie MS Office und mit „DB Neo Screen“ eine weitere Schriftfamilie für die Online-Anwendung in Apps , auf den Homepages der DB, dem Handy usw. Für uns ist aber wohl nur die „DB Neo Head“ interessant, die für Schilder und Beschriftungen aller Art verwendet werden.

Bahnhofsnamen und Wegeleitsysteme an den Bahnhöfen in Deutschland verwenden aber nicht die „DB Neo“-Schriften. Sie werden immer negativ (weiß) mit der Farbe RAL 9003 (Signalweiß) auf dunkelblauem Grund mit der Farbe RAL 5022 (Nachtblau) in der Schriftart „DB WLS Auflicht Negativ“ gestaltet. Der Grund dafür liegt in der Tatsache, dass Bahnhöfe nicht immer nur von Zügen der Deutschen Bahn AG genutzt werden, sondern auch von Flixtrain, SWEG, TGV und anderen Bahngesellschaften. Das Corporate Design der DB AG soll aber ganz bewußt unterscheiden zwischen der Bahngesellschaft der DB und den Bahnhöfen, die seit neuestem von der DB InfraGO AG betrieben werden.

RAL 5022
DB Neo Head Regular
DB Neo Head Black
DB Neo Schriften am Video-Reisezentrum in Oberkirch

Das Video-Reisezentrum der DB am Oberkircher Bahnhof nutzt die neue Schrift „DB Neo Head“, die sonstige Beschilderung in Oberkirch und vielen anderen Bahnhöfen jedoch nicht. Stattdessen wird die „DB WLS Auflicht Negativ“, eine der Helvetica ähnliche Schrifttype verwendet. Helvetica kennen wir ja nicht nur aus der Textverarbeitung, auch zahlreiche Firmen verwenden dieses typografische Neutrum, wie beispielsweise 3M, BASF, BMW, Bosch, Lufthansa, Panasonic, Tupperware und viele mehr. Das Design mit der „DB WLS Auflicht Negativ“ stammt aus dem aktuellen Design Manual 81393, Stand: 20.09.2020 der Deutsche Bahn AG.

Sobald ich die Erlaubnis der DB für die Nutzung der „DB WLS Auflicht Negativ“ erhalten habe, werde ich auch diese Schrift hier darstellen.

Weitere Informationen zu den neuen DB-Schriften und der Typografie bei der Deutschen Bahn gibt es auf den Seiten DBneo und Typografie der DB und zur „DB Type“ auf wikipedia.

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